Im Verwahrungshaus

Eingangsbereich Verwahrungshaus Göttingen 1970. Standbild, NDR Nordschau 24.2.1970.

Mit freundlicher Genehmigung Norddeutscher Rundfunk

Spätestens 1951 wird Klingebiel in das Verwahrungshaus zurückverlegt und in Zelle 117 eingeschlossen. Von  Gesetzes wegen war die geschlossene Unterbringung auch 1950 schon von einem Richter zu genehmigen. Ein solches Verfahren fand, wie die vollständige Sichtung der Göttinger Gerichtsakten zeigte, nie statt. Das Sozial-ministerium ließ 1950 überprüfen, ob die geschlossene Unterbringung zu genehmigen wäre. Das Verwahrungs-haus meldete für die Untergebrachten "Fehlanzeige".

Der gefängnisartige Bau mit Gittern und Zellentrakt prägte das Miteinander. Patienten bewegten sich, soweit sie nicht in ihren Zellen eingeschlossen waren, auf den Fluren. Zu Klingebiels Zeit gab es in den Zellen keine Sanitäreinrichtung. Die Notdurft wurde noch in Kübeln weggeschafft. In seiner Zelle lag nur eine Matratze auf dem Boden. Wie Zeitzeugen berichten, herrschte ein Regime der Strenge und Kontrolle.

 

In einem seltsamen Kontrast dazu stehen alte Fotos von Sommerfesten, bei denen der Direktor und Bedienstete mit den Patienten im Garten sitzen.

Szenen im Hof des Verwahrungshauses, um 1956. Projektarchiv

​Die Patienten erhielten eine Stunde Hofgang. Ein Foto zeigt sie beim Fußballspiel. Es gab einfachste Arbeiten wie Korbflechten oder das Stecken von Wäscheklammern. Klingebiel beteiligte sich nicht daran und nahm im Laufe der Jahre selten am Hofgang teil.

 

Zeitzeugen schilderten ihn als selbstbewussten, eigenwilligen Mann mit viel Fantasie, der um die Bedeutung seiner Malerei wusste. Diese veränderte seine Rolle als Patient und gab ihm Selbstbewusstsein. Das Malen war eine sinnvolle Tätigkeit, die den Tag erfüllte und durch die er zu Recht Beachtung und Aufmerksamkeit erfuhr. Er sah sie als Arbeit an und wusste um ihre Bedeutung. Einmal soll er vier Wochen "Urlaub" vom Malen genommen haben. Oft erklärte er Pflegern, Ärzten und auch Besuchern seine Bilder und deren Bedeutungen. Er ließ sich vor seinen Bildern fotografieren.

 

Auch begann er spätestens Ende der 1950er Jahre, Motive und Entwürfe auf Papier zu malen. Er verschenkte diese Blätter und soll sie auch verkauft haben.

Die Krankenakte über Klingebiels Göttinger Jahre (1941 bis 1965) ist seit Mitte der 2000er Jahre verschollen. So fehlen schriftliche Belege über sein Ergehen nach 1951. Wenige kurze Einträge wurden in tabellarischen Abschriften tradiert. Sie werden von dem Volkskundler Wehse (1984) zitiert. Hinzu kamen Berichte von Zeitzeugen.

 

Danach sahen die Ärzte vor allem Klingebiels Leidenszustand. Sie beschrieben die Symptome einer chronischen schizophrenen Psychose. Er litt weiter unter oft quälenden Wahnerlebnissen, fühlte sich beeinflusst, unter Stromstöße gesetzt oder fürchtete, um seine Erfindungen gebracht zu werden. Er hatte eine ausgedehnte eigene Gedankenwelt entwickelt. Auch zeigte er Verstimmungen, von schwersten Wutausbrüchen bis zum depressiven Rückzug. Die Pfleger, die ihn noch erlebt hatten, beschrieben dies ähnlich. Aber sie sahen ihn auch als selbstbewussten Patienten, der sich im Alltag einfügte, Kontakt zu Mitpatienten hielt und mit dem ein Gespräch möglich war. Er bewegte sich zwischen seiner inneren Wirklichkeit und seiner Alltagsrealität.

Um 1961 erhielt Klingebiel ein damals neues antipsychotisches Medikament, das Neuroleptikum Perphenazin. Über die Dosierungen ist nichts bekannt. Er wurde darunter ruhiger, hörte aber mit dem Malen auf.

Im März 1963 wurde er auf eine Langzeitstation des Krankenhauses verlegt. Auch wenn dazu nichts überliefert ist, ist denkbar, dass Klingebiel dies als tiefen Einschnitt erlebt haben könnte. Seine Bilderwelt, die er sich in der Zelle 117 erschaffen hatte, ging ihm verloren.

Am 26.5.1965 verstarb Julius Klingebiel in der Chirugischen Abteilung der Göttinger Universitätsklinik. Er wurde in Göttingen beerdigt.

                   

Impressum   Nutzungsbedingungen   Datenschutz