Interpretationslinien 

Betrachter, die noch die Originalzelle erlebt oder die unsere Replik besucht haben, schilderten ihre Eindrücke als "überwältigend", "verwirrend", manchmal als beklemmend, aber immer wieder als faszinierend. Die Fülle von Skizzen, Details und großen Bildthemen, die auf den ersten Blick ungeordnete Versammlung von Bildelementen unterschiedlichster Thematik mag auf den ersten Blick chaotisch wirken, aber sie zieht in ihren Bann. Man entdeckt auch nach wiederholten Besuchen immer wieder Neues.

Bildausschnitt.
Land Niedersachsen.
Fotoarbeiten
Hans Starosta.

Beim zweiten Hinsehen zeigt sich eine Raumaufteilung mit gegensätzlichen Themen. Rechts von der Hirschfamilie beherrschen zwei mächtige gerahmte Landschaftsbilder die Szene. Das Auge findet Vertrautes, wie aus guter alter Zeit.

Die rechte Wand wirkt insgesamt ruhig und klar, auch in ihrer Farbigkeit mit grünen Wäldern, blauen Wassern und den braunen Hirschen. Zur Tür hin verbleibt eine Zone mit großen Figuren und kleinen Gruppen von Menschen.

 

Die Türwand greift das Nebeneinander von großen und kleinen Figuren auf. Einzelne gerahmte Bilder sind belassen, auch eine Landschaft. Dies korrespondiert mit der Fensterwand. Hier finden sich einige gerahmte Bilder, daneben kleine Szenen, Figuren und Symbole.

Bildausschnitt.
Land Niedersachsen.
Fotoarbeiten
Hans Starosta.

Die linke Wand gibt mit ihrer uferlosen Fülle an Details die größten Rätsel auf. Aber sie ist symmetrisch aufgebaut und streng gegliedert. Der Ausschnitt zeigt den bestimmenden, in sich streng durchkomponierten mittleren Bereich.

Eine zentrale Achse reicht vom Boden bis zur Decke. Ordensleute, Ehrenzeichen, Kreuze wechseln sich ab.

Oben scheint der Himmel erreicht. Dort breiten sich große Adlerschwingen aus wie bei Standarten der NS-Zeit oder indianischen Totempfählen, darunter ein Lebenskreuz. Seitlich schweben Luftschiffe und moderne Flugkonstruktionen über Schiffen. Antike Streitwagen mit Pferden schweben über der rechts und links gerahmten Buchstabenfolge "EIN WORT" und "GOTT".

 

Rechts und links begrenzen vertikale Streifen mit Flaggen und Figuren den Bildraum. Auf halber Höhe sind horizontale Streifen platziert, in der Mitte Orden und Ehrenzeichen.

 

Um diese Mitte herum bildet Klingebiel aus Ornamenten und Symbolen eine große Kreisfigur. Sie ist schon auf alten Fotodokumenten zu sehen. Klingebiel hat die Komposition schon früh angelegt und später immer weiter ausgeschmückt. So uferlos und chaotisch sie auf den ersten Blick wirken mag, vermittelt sie doch eine alles umspannende Ordnung, in der die einzelnen Bilder, Embleme, Symbole ihren festen Platz haben und ein Ganzes bilden, obwohl sie so widersprüchlich und zufällig zusammengestellt scheinen.

Die Schmalseiten der Zelle sind mit Einzelbildern, Sammlungen von Symbolen und vielen kleinteiligen Zeichnungen gefüllt, vgl. Entwicklung der Raumausmalung.

Das vergitterte Fenster weist nach Süden. Es wurde nach 2013 verschlossen. Bis dahin fiel das Tageslicht am Morgen auf die Landschaften rechts. Die Hirsche traten direkt in den Raum. Nachmittags wurde links das "Weltenrad" erhellt, die blauen Farben begannen zu leuchten. Der Lauf des Lichtes war für die Wahrnehmung der Malerei essentiell durch den Wandel der Tages- und Jahreszeiten und der Witterung. 

Die Fülle von Bildern, Symbolen, Figuren, kleinsten Details und großen Gesten wächst zu einem Raumkunstwerk zusammen, in dem alles seinen Platz hat und das keine Grenzen kennt.

Seit Jahrzehnten werden Begriffe und Anschauungen der Art Brut, der sogenannten Aussenseiterkunst oder Outsider Art aus Psychiatrie-Kontexten international breit diskutiert. Sie entwickeln sich als Antwort auf zeitgenössische Werke weiter. Aktuelle Übersichten finden sich in online-Enzyklopädien wie Wikipedia unter Suchwörtern wie "Art Brut" oder "Outsider Art".

 

Klingebiels Werk ist hier gut einzuordnen. Deutungsansätze lassen sich auf mehreren Ebenen entwickeln. Wir beschränken uns auf wenige Interpretationslinien. Vorab ein Rückblick auf ältere Einschätzungen: 

Ebert-Englert (1980) sah Klingebiels Malerei im Sinne damaliger Theorien als "zustandsgebunde Malerei" (Navratil, 1965). Mit einer Arbeitsgruppe zeigte sie Bilder von Patienten des Landeskrankenhauses Göttingen, darunter auch Einzelwerke von Klingebiel. Die aus Therapie und Diagnostik stammenden bildnerischen Aussagen von "beeindruckender Aussagekraft" wurden im Künstlerhaus Göttingen gezeigt. Ebert-Englert wertete den Gehalt der Malereien als Ausdruck der schizophrenen Psychosen. Sie erwähnte hierzu die Hirschköpfe bei "Herrn K.", seine stark ausgeprägten "Ornamente, abstrakte Ordnung, Symmetrie, Reihung und regelmäßige(r) Wechsel". "Geweihe, übergehend ins Geäst der Bäume, der Wasserfall in seiner geometrischen Starre, .. die Mechanisierung seiner Bilder bewirkten in ihm Ruhe und doch scheint die Spannung noch dahinterzustehen. Auch die rhythmische .. motorische Entladung der Strichzeichnung gehört hierher." Als weiteres Merkmal schizophrener Kunst wertet die Autorin die Symbolisierung: "Im Bild der drei kreuzenden Schwerter von Herrn K. finden wir eine ungewöhnliche Bildagglutination mit Karten, Händen, Füßen, Wappen, Helm, Emblemen und Buchstaben; das Chaos der 3. Bildebene scheint durch die Schwerter symbolisch gebannt." 

 

Wehse (1984) deutete das Werk als Beispiel für "Volkskunst" aus visueller Überlieferung und publizierte dies in einer gleichnamigen Zeitschrift. Tatsächlich verwendet Klingebiel traditionelle und populäre Ausdrucksformen, die nicht aus der akademischen Hochkultur stammen. Viele seiner Einzelmotive stammen aus Handwerk und Technik, aus der Naturbeobachtung, der Jägerei und populären Idolen im Film. Einige Kompositionen erinnern an Schießscheiben, wie sie auf  Schützenfesten zu sehen sind, aber auch an Tafelbilder auf Volksfesten oder Embleme der Polizei. Seine zeichnerische, farbig ausgemalte Diktion, aber auch seine Rahmungen und Ornamente scheinen zu dieser Herkunft der Bilder zu passen. Wehse betont allerdings "krankhafte Momente" der Malerei, zitiert aus Krankenakten und schreibt der Malerei keinen eigenständigen künstlerischen Wert zu. Er sah das Werk im Sinne etablierter Kunsttheorien nicht als eigenständiges Werk.

Wir stützen uns bei den folgenden Überlegungen wesentlich auf Arbeiten von Thomas Röske (2012, 2013).

Vordergründig kann man Klingebiels Bildaussagen dahingehend deuten, dass er Dinge versammelte, die in seinem Leben wichtig waren und sein besonderes Interesse fanden. Mit seinem privaten "Bildarchiv" sagt er auch etwas über sich aus. Er zeigt sich als Experte auf vielen Gebieten. Zahllose kleine Szenen mit Figuren lassen vermuten, dass er Begebenheiten festhält oder Personen karikiert. Einige gemalte Frauenfiguren könnten frühere Partnerinnen darstellen, aber auch Filmstars.

 

Die Mittelgebirgslandschaften wirken vertraut: Seine Familie kommt väterlicherseits aus dem Harz. Er malt auch Häuser und eine Kirche, die entfernt an die Kirche im heutigen Bad Grund erinnert. Die Vorbilder für die Hirsche und Zootiere hat er in seiner Jugend ebenso gesehen wie vermutlich Segelschiffe, Zeppeline oder Flugzeuge.

 

Zugleich wirken die Hirsche als bedeutsame, starke Symbolträger: An der rechten Wand nahe dem Fenster zeigt er sie als Familie mit Kind, ruhig und harmonisch mit der Natur verbunden, darüber die Eule als Symbolfigur für Weisheit (siehe Abschnitt Entwicklung der Malerei). Er rekonstruiert eine heile Welt, sein Paradies. Die Geweihe seiner Hirsche verwachsen mit den Zweigen der Bäume. Die mächtigen Gestänge wirken wie Gitter oder Verhaue. Die Tiere nehmen mit ihren Augen menschliche Züge an, sie werden zum alter ego, stehen symbolisch für Menschen.

 

Die collagierten Symbolwelten und Zitate aus Zeitgeschehen, Geschichte, wichtigen Personen und kleinen Szenen fügen sich zu einem großen Ganzen. Neuenhausen (2013, S. 95) spricht in seinem Essey, den er als "Künstlerkollege" formuliert, von einer "grandiosen gemalten Collage", die sich zu einem Bild-Universum zusammenfügt.

Röske (2013) sieht in der Geschichte der Kunst von Psychiatrie-Insassen "wenig Vergleichbares". In seiner Anlage als Raumausmalung vergleicht er es mit August Wallas "Sixtina", einem im Haus der Künstler in Maria Gugging ausgemalten Zimmer. Eine Wandmalerei von Paul Goesch aus dem Jahr 1922 blieb auf dem Dachboden der ehemaligen Provinzial-Jugendanstalt, einem benachbarten Gebäude, erhalten

Röske sieht Hinweise darauf, dass Klingebiel sich als Maler und Bildkommentator verstanden hat, der sowohl abgesetzte Bildfelder gerahmt, als auch die Wandfläche illusionistisch ausgefüllt hat. So entstand eine breite stilistische Vielfalt. Zitate aus der Kunstwelt belegen "die Teilhabe Klingebiels an stilistischen Zeitsignaturen." Röske betont die Bedeutung der Malerei für die Kommunikation mit der Umwelt und wertet das Interesse und die Förderung von Seiten des Psychiaters Hemmo Müller-Suur als wichtigen Einfluss. Müller-Suur kam in den 1950er Jahren regelmäßig zu Visiten. Er hatte sich intensiv mit Paul Goesch befasst, Klingebiel in seinen Publikationen aber nie erwähnt. Jedoch fanden sich fotografische Zeitdokumente aus der Zelle in seinem Nachlass.

Röske (2013, S. 35) sieht in Klingebiels Werk das Streben nach einem komplexen Ordnungs- und Verweissystem. Die große Radform mit ihrem H-förmigen Rahmen sieht er als komplexes Komposit-Zeichen, dessen unzählge Elemente auf die Lebensbereiche verweisen, von denen der Künstler zu erwählen wußte. Das Kreisen um einen Mittelpunkt erinnere an eine ausgeschmückte große Monstranz, in deren oberer Mitte auch die Figur des Erlösers erscheint. Dieselbe Figur zeigt Klingebiel oberhalb der Tür über einer Wasserfläche - darin ein kleiner Mann mit einem Ring. Der Erlöser blickt zum Fenster. Röske zeigt an diesem Beispiel, wie Klingebiel auch Raumbezüge herstellte. So halten rechts unten auch die Hirsche von Wand zu Wand "Blickkontakt". 

Klingebiel hatte darin seine gedankliche Ordnung. So erschuf er künstlerisch originäre Aussagen und ein unverwechselbares großes Werk. Er fand durch die Malerei seinen Weg, sich aktiv zu betätigen, etwas zu formen und zu hinterlassen, seinem sonst leeren Alltag Inhalt zu geben. Zugleich machte er ein Angebot an seine Umwelt. Auch wenn er nur begrenzt Gelegenheit fand, seine Kunst Außenstehenden zu zeigen, fand er durch sie Beachtung und Bestätigung als Person.

 

Man könnte von daher sagen: Manches von dem, was Kunsttherapie heute anbietet, hat Klingebiel sich durch seine Malerei selbst geschaffen: Ein Erleben, etwas zu bewirken, Menschen etwas zu bedeuten und mit den eigenen Bildern etwas über sich und die Welt zu sagen.

Die Raumausmalung beansprucht eigenen künstlerischen Rang als großes komplexes Werk. Es reicht über die Enge seiner Zelle und die Begrenzungen seiner Lebenssituation hinaus.

 

Man darf dies als künstlerischen Akt der Befreiung deuten, oder als "Ausbruch in die Kunst", wie der Titel des Filmes von Antje Schmidt lautet (2015).

                   

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