Überleben

Was es bedeutete, die Grauen der NS-Tötungsprogramme, den planmäßigen Massenmord an über 250.000 psychisch kranken oder behinderten Menschen zu überleben, bleibt auch heute, im Frühjahr 2020 unfassbar.

Patientenfoto in der Krankenakte, 1939.

Dieses Archivgut ist Eigentum des Niedersächsischen Landesarchivs. Ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Niedersächsischen Landesarchivs darf diese Abbildung nicht gespeichert, reproduziert, archiviert, dupliziert, kopiert, verändert oder auf andere Weise genutzt werden. Hauptstaatsarchiv Hannover: NLA Hannover Hann. 155 Wunstorf Acc. 2004/065 Nr. 633

Anstaltsaufenthalt in Wunstorf

1939, vier Wochen nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges gerät Julius Klingebiel in eine schwere psychische Krise. Er fühlt sich beeinflusst und bedroht, hört Stimmen, entwickelt Wahnvorstellungen. Er bricht in wütende Erregungszustände aus. Seine Frau kannte ihn von früher als freundlichen Mann. Sie berichtete gegenüber den Ärzten, dass er sehr hart arbeiten musste. Er habe in den Jahren zuvor zwei Kopfverletzungen erlitten. Seit längerem habe er sich verändert und auch Kollegen gegenüber geäußert, er werde von Leuten verfolgt, die ihm seine Erfindungen wegnehmen wollten.

Am 2.10.1939 kommt es zu einem Polizeieinsatz in der Kniestraße in Hannover. Klingebiel hatte im Streit seinen Stiefsohn am Hals gepackt und seine Frau mit Worten bedroht. Wegen "Geistesgestörtheit" nehmen die Beamten ihn mit auf die Wache. Am Folgetage wird er zunächst in die Nervenklinik der Hauptstadt Hannover eingewiesen.

 

Diese polizeiliche Zwangseinweisung war bis zu seinem Tode im Jahr 1965 die einzige rechtliche Grundlage für eine geschlossene Unterbringung in den damaligen Anstalten. Es gab kein Strafverfahren, und er wurde nicht als psychisch kranker Straftäter untergebracht.

"Charakteristik", Krankenakte 1939.

Dieses Archivgut ist Eigentum des Niedersächsischen Landesarchivs. Ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Niedersächsischen Landesarchivs darf diese Abbildung nicht gespeichert, reproduziert, archiviert, dupliziert, kopiert, verändert oder auf andere Weise genutzt werden. Hauptstaatsarchiv Hannover: NLA Hannover Hann. 155 Wunstorf Acc. 2004/065 Nr. 633

Nach einer Begutachtung wird Klingebiel am 29.10.1939 als sogenannter "gemeingefährlicher Geisteskranker" in die Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf eingewiesen. Er wird fotografiert und nach Wunstorf umgemeldet. Er bekam die damals verfügbaren starken Beruhigungsmittel. Zur Behandlung der Psychose gab es keine wirksamen Medikamente. Im März 1940 verlangt er vom Anstaltsdirektor brieflich in wohl gesetzten Worten seine baldige Entlassung: Er "..habe hier nur den Komieker gespielt.."

​​Nach dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" aus dem Jahr 1933 wird er am 26.7.1940 in Neustadt a. Rbg. zwangssterilisiert und damit Opfer der  nationalsozialistischen Rassegesetze. Das zuständige Erbgesundheitsgericht (Aktenzeichen 4.XIII.70/40, 14.6.1940) stützt sich auf ein Gutachten des Arztes der Waffen-SS Willi Baumert. Darin heißt es, der Patient sei nicht in der Lage, seine Angelegenheiten zu besorgen, eine Verständigung mit ihm sei nicht möglich.

Die Anstalt beurteilt Klingebiel als uneinsichtig und aufsässig. Er sei "gereizt und gespannt", drohe "beständig zu explodieren" und sei gegen das Personal "bedrohlich tätlich geworden." Am 9.8.1940 wird er als "ungeheilt" in das Göttinger Landesverwahrungshaus verlegt.

Seine Frau fragt am 14-8-1930 sich brieflich in Wunstorf nach den Gründen der Verlegung und nach seinem Zustand. Sie wird von der Direktion über die Diagnose und die Zwangssterilisierung belehrt, Die Verlegung wird mit Angriffen auf das Personal begründet: Rr habe sich "nicht länger geeignet für die hiesige Anstalt erwiesen." Am 29.5.1941 lässt sie sich vor dem Landgericht Hannover in seiner Abwesenheit scheiden. Ende 1940 fragt seine Schwester nach seinem Verbleib und wird über die Verlegung informiert. Damit brechen damit alle Kontakte zu seiner Familie ab.

Die in den alten Akten genau dokumentierten Beobachtungen legen auch aus heutiger Sicht nahe, dass Klingebiel an einer  schizophrenen Psychose erkrankt war. Er zeigte sich von krankhaften Empfindungen und Erlebnissen durchdrungen und reagierte teils aufgebracht, teils gequält. Zugleich hielt er sich für gesund und verlangte wiederholt, ihn zu entlassen. Die Psychose verlief über Jahrzehnte und verfestigte sich später mit realitätsfremden Gedanken, etwa der Überzeugung, ein großer Erfinder zu sein, verfolgt und beeinträchtigt zu werden.

Gebäude der Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf, um 1920. Privatarchiv H. Wittrock, Wunstorf

In der Göttinger Anstalt

Die nationalsozialistischen Verfolgung psychisch Kranker überschatten Klingebiels Schicksal weiterhin. Für das zentrale Tötungsprogramm der NS-Psychiatrie, die "Aktion T4", wird er am 10.10.1940 "planwirtschaftlich erfasst". Zu diesem Zeitpunkt war er bereits in das Verwahrungshaus Göttingen verlegt worden. Das Formular, das an die Berliner Zentrale in der Tiergartenstraße 4 abzugeben war, beschreibt ihn als "Endzustand". Er sei "ohne Beschäftigung".

Meldebogen der T4-Aktion. Der nachträglich in Wunstorf mit Schreibmaschine erstellte Schriftsatz gibt inhaltlich das offizielle Formular der T4-Zentrale wieder, welches offenbar in der Anstalt nicht mehr vorrätig war.

Dieses Archivgut ist Eigentum des Niedersächsischen Landesarchivs. Ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Niedersächsischen Landesarchivs darf diese Abbildung nicht gespeichert, reproduziert, archiviert, dupliziert, kopiert, verändert oder auf andere Weise genutzt werden. Hauptstaatsarchiv Hannover: NLA Hannover Hann. 155 Wunstorf Acc. 2004/065 Nr. 633.

Klingebiels Name tauchte in Göttingen auf keiner der aus Berlin kommenden Listen auf. Wie er der Deportation und dem Tötungsprogramm entging, ist weder überliefert noch den Akten zu entnehmen.

Möglicherweise setzten sich Direktion und Verwaltung für seine Zurückstellung ein, gestützt auf seine Ausbildung als Schlosser. Möglicherweise machte auch die Bürokratie der T4-Organisationen "Fehler", in der  sowohl das Reichsministerium des Inneren (RMI) als auch die "Gemeinnützige Krankentransportorganisation" GEKRAT die Deportationen steuerten. 1942 tauchte sein Name auf einer vom RMI geforderten Nachtragsliste von Patienten auf, mit der kontrolliert werden sollte, für welche Patienten noch T4-Meldebögen fehlten.

 

Klingebiel überstand die Kriegszeit und die Nachkriegsjahre, die von unvorstellbarer Not geprägt waren, auf einer der Langzeitstationen der Anstalt.

                   

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